Wer war Lilli Jahn?

 

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Aufnahme von Lilli Jahn, 1918

Dr. Lilli Jahn, die Namensgeberin unserer Schule

Die Ärztin Dr. Lilli Jahn verbrachte 17 Jahre in Immenhausen.

Lilli Jahn wurde als Lilli Schlüchterer am 5. März 1900 in Köln geboren. Sie wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf.
Ihrer jüdischen Familie war auf Grund der bürgerlich-deutschen Lebensart 1907 zum Zeichen der Integration die preußische Staatsbürgerschaft verliehen worden.

 

 

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Lilli Jahn im Sommer 1916

 

Die Bildungsorientierung der Eltern erlaubte Lilli den Besuch des Gymnasiums, das zu jener Zeit nur 2 % der Mädchen absolvierte.
Nach dem Abitur im Frühjahr 1919 studierte die begabte junge Frau Medizin in ihrer Heimatstadt Köln.
Während des Studiums lernte Lilli den evangelischen Studienkollegen Ernst Jahn, ihren späteren Ehemann, kennen.

Ernst Jahn ließ sich nach seinem Medizinexamen in Immenhausen nieder.
Seine junge Frau, Dr. Lilli Jahn, folgte ihm nach der Trauung 1926 und führte mit ihm zusammen eine Arztpraxis für Allgemeinmedizin.
In den frühen Jahren in Immenhausen brachte Lilli zwischen 1927 und 1930 drei Kinder zur Welt.
Die junge Familie baute ein Siedlungshaus in der heutigen Lindenstraße und verlegte die Praxisräume nach dort.

 

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Lilli Jahn mit ihren Kindern Gerhard und Ilse etwa 1929 / 1930

 

 

Einige Monate nach Hitlers Machtergreifung 1933 bekommen die jüdische Ärztin und ihr evangelischer Ehemann die ersten Auswirkungen ihrer „Mischehe“ zu spüren:
Die Nationalsozialisten rufen zum Boykott ihrer Praxis auf.
Lilli erhält wegen ihrer Religionszugehörigkeit Berufsverbot.
Ernst praktiziert schließlich weiter.
Der Alltag verändert sich für die Arztfamilie völlig. Eben noch hoch geachtet, wenden sich viele Freunde und Bekannte von ihnen ab.

Diskriminierungen gegenüber Lilli nehmen öffentlich und privat zu.
Als Jüdin ist es ihr nicht erlaubt, ihre eigenen finanziellen Mittel zu behalten.
Sie muss sie dem nicht jüdischen Ehemann überschreiben.
Ernst Jahn lässt sich schließlich durch den nationalsozialistischen Rassenwahn aufreiben.
Er trennt sich von seiner jüdischen Ehefrau, die 1940 das fünfte Kind in Immenhausen zur Welt gebracht hatte.
Einige Wochen nach der Scheidung 1942 heiratet Ernst Jahn eine nicht jüdische Kollegin.

 

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Lilli mit Johanna, Gerhard, Ilse und Eva im Schwarzwald, um 1937

 

 

Im Sommer 1943 ist Lilli Jahn die einzige Jüdin in Immenhausen. Familiär und öffentlich befindet sie sich in einer aussichtslosen Isolation.
Auf Veranlassung des amtierenden Bürgermeisters muss sie zusammen mit ihren fünf Kindern im Juli 1943 Immenhausen verlassen.
Sie zieht mit ihren vier Töchtern und dem Sohn nach Kassel in die Motzstraße 3.

 

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Johanna, Ilse, Dorothea und Eva Jahn im Frühsommer 1944

 

 

Schon wenige Wochen später wird Lilli Ende August 1943 von der Gestapo verhaftet und in Guxhagen/Breitenau (ca. 20 km südlich von Kassel) in einem Konzentrationslager interniert.
In dieser Zeit beginnt ein umfangreicher Briefwechsel zwischen der verzweifelten Mutter und den Kindern, die ihren Alltag weitestgehend alleine organisieren müssen.
Die Hoffnung, dass die fünffache Mutter zu ihren minderjährigen Kindern zurückkehren wird, zerschlägt sich.
Lilli Jahn wird im März 1944, ohne ihre Kinder jemals wiedergesehen zu haben, von Breitenau nach Ausschwitz deportiert.
Dort kommt sie unter nicht geklärten Umständen am 17. oder 19. Juni 1944 zu Tode.


Lilli Jahns Schicksal wird von ihrem Enkel Martin Doerry eindrucksvoll in dem Buch „Mein verwundetes Herz“ geschildert.

Am Geburtstag unserer Namensgeberin, dem 5. März, erhält ein jeder Schüler und eine jede Schülerin eine gelbe Lilli-Rose zum Andenken an die Namensgeberin unserer Schule, Dr. Lilli Jahn.

Die Fotos wurden uns aus der Spiegel Fotostrecke mit freundlicher Erlaubnis von Dr. Martin Doerry zur Verfügung gestellt.


-- Gisela Hellwig

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